Diese Bilder wollen Deutschland nicht erklären. Sie entstanden ohne journalistischen Auftrag, ohne dokumentarisches Konzept und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind Reisebilder, persönliche Erinnerungsbilder, Amateuraufnahmen. Aber trotzdem, vielleicht gerade deshalb, sind sie interessant.
Die Fotografien stammen aus chilenischen Familienbeständen. Sie zeigen Reisen nach Deutschland von den 1930er Jahren bis in die Nachkriegszeit, teils bis in die 1970er und 1980er Jahre. Die Sammlung ist zufällig und unrepräsentativ; mehr als das, was die Bilder selbst zeigen, ist oft nicht überliefert. Sie bewahrt keinen offiziellen Blick auf Deutschland, sondern einzelne Begegnungen: Menschen aus Chile, die Europa bereisten, Geschäftsleute, Besucherinnen und Besucher, die festhielten, was ihnen bemerkenswert erschien. Genau darin liegt ihr Wert.
Reisefotografie zeigt kaum ein Land als Ganzes. Sie sammelt Eindrücke: Sehenswürdigkeiten, Atmosphären, Überraschungen, kleine Irritationen. Der fremde Blick sieht manchmal Dinge, die Einheimische kaum noch wahrnehmen. Er bleibt begrenzt, aber gerade diese Begrenzung macht ihn aufschlussreich.
Luis Mitrovic Balbontin Collection
Sehenswürdigkeiten und Augenblicke
Auf den ersten Blick ist vieles erwartbar. Deutschland erscheint als Land der Dome, Burgen, Fachwerkhäuser, Flüsse, Häfen, Museen und Stadtansichten. Berlin, Köln, Hamburg, Dresden, Weimar, Nürnberg, Würzburg, Heidelberg, der Rhein: Es sind die Orte, die in Reiseführern stehen. Doch zwischen diesen Motiven tauchen Bilder auf, die mehr erzählen als eine touristische Route. Interessant ist, woran der Blick der Besucherinnen und Besucher hängenblieb.
Family Hernández Nieto Collection
Family Hernández Nieto Collection
In den Bildern aus Köln aus den 1960er Jahren ist der Dom zwar präsent, doch der Blick wandert immer wieder in die Stadt selbst: Straßen, Autos, Baustellen, Reklametafeln, Schaufenster, Menschen auf nassem Asphalt. Ein VW-Bus steht am Straßenrand, eine Frau verkauft die Bild Zeitung an einem improvisierten Verkaufsstand, Passanten tragen Mäntel und Hüte. Köln erscheint nicht nur als Postkartenmotiv, sondern als Stadt, wie der Besucher sie empfand: wiederaufgebaut, verkehrsreich, manchmal grau, aber interessant genug für einen Schnappschuss als Erinnerung.
Besonders sprechend sind die kleinen Beobachtungen. Ein Schild in einer Kirche mahnt zur Reinlichkeit und verbietet ausdrücklich das Ausspucken. Solche Bilder macht man nicht, weil sie schön sind. Man macht sie, weil sie überraschen. Es sind kleine visuelle Notizen: Das war seltsam, das war komisch, das war anders.
Luis Mitrovic Balbontin Collection
Die 1930er Jahre: Kulturreise und Diktatur
In den Aufnahmen von Luis Mitrovic Balbontin aus den 1930er Jahren entsteht ein besonders dichter Eindruck. Weimar, Goethehaus, Parks, Kirchen, Museen, Skulpturen, mittelalterliche Städte und Flusslandschaften zeigen ein Deutschland der Kultur und Bildung. Doch daneben steht ein anderes Bild der Zeit. Ein Foto trägt den Titel „Arquitectura Dictatorial“ und zeigt monumentale, strenge Architektur: den Blick auf den NSDAP-Führerbau und einen der sogenannten Ehrentempel, errichtet in der NS-Zeit. Andere Aufnahmen zeigen Flaggen mit Hakenkreuzsymbolen, beinahe beiläufig fotografiert, wie an anderer Stelle Wäsche auf der Leine. Menschenmengen, erhobene Arme zum Hitlergruß. Das Politische ragt in den touristischen Blick hinein und zeigt, wie der Wandel zur NS-Diktatur das Alltagsbild prägte.
Luis Mitrovic Balbontin Collection
Luis Mitrovic Balbontin Collection
Luis Mitrovic Balbontin Collection
Berlin, Ost und West
In der Nachkriegszeit existieren Bilder nur aus Westdeutschland; der Besuch des Ostens beschränkte sich offenbar auf Ost-Berlin, also auf eine typische touristische Route. Doch wieder führen die Berlin-Bilder in eine andere historische Spannung. 1967 posiert ein Mann vor dem Berliner Dom; daneben ist eine Tribüne aufgebaut, vermutlich als Vorbereitung für die Kundgebung zum 1. Mai, mit politischen Parolen und Fahnen. Auf einem anderen Bild steht er in West-Berlin nahe dem Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten an der Straße des 17. Juni. Die Anlage lag im britischen Sektor West-Berlins und war nach dem Mauerbau durch Absperrungen und Stacheldraht gesichert.
Francisco Ariztia Fernández Collection
Francisco Ariztia Fernández Collection
Weitere Aufnahmen zeigen Kriegsruinen: ausgebrannte oder halb abgerissene Häuser direkt an einer breiten Straße, während davor der moderne Verkehr vorbeifährt. Andere Bilder zeigen Grenz- oder Sperrzonen mit Mauer, freigeräumtem Gelände, Panzersperren oder Bauarbeiten in Ost-Berlin, unter anderem in der Nähe des Alexanderplatzes.
Enrique Zorrilla Concha Collection
Enrique Zorrilla Concha Collection
Enrique Zorrilla Concha Collection
Viele gleichzeitige Deutschlands
Auch wenn viele Bilder zunächst banal erscheinen, ein erwartbares Deutschlandbild zeigen und technisch nicht vollkommen sind, geben sie einen direkten Blick frei, in dem sich Geschichte wiederfindet. Die Sammlung zeigt viele Facetten Deutschlands: das romantische Deutschland der Burgen, Dome und Fachwerkhäuser; das technische und moderne Deutschland der Häfen, Schiffe und Industrieanlagen; das alltägliche Deutschland der Baustellen, Straßen, Autopannen und Staus. Und sie zeigt ein politisches Deutschland: die NS-Zeit der 1930er Jahre und den Kalten Krieg, die immer wieder in den touristischen Blick hineinragen.
Luis Mitrovic Balbontin Collection
Family Hernández Nieto Collection
Die chilenische Initiative, Enterreno Community, aus der diese Bestände stammen, sichert Nachlässe von Amateurfotografinnen und Amateurfotografen. Solche Arbeit rettet Bilder, die leicht verschwinden würden, weil ihnen lange kaum jemand besonderen Wert zugeschrieben hat. Doch gerade in ihnen liegt eine andere Form von Geschichtsschreibung: nicht die Geschichte der Staatsbesuche, Verträge und Schlagzeilen, sondern die Geschichte dessen, was Menschen gesehen, aufgehoben und erinnerungswürdig gefunden haben.
Vielleicht ist das Wichtigste an dieser Sammlung: Sie zeigt Deutschland nicht aus deutscher Erinnerung, sondern aus der Verwunderung anderer — aus dem Blick von Besuchern, die von außen kamen.