Die Negativretusche – Bildbearbeitung mit Pinsel und Fingerspitzengefühl
Ein Foto mit brennender Zigarette war lange Zeit ein beliebtes Porträtmotiv. Es konnte als Statussymbol gelesen werden und entsprach einem meist männlichen Ideal von Lässigkeit, Weltläufigkeit und Selbstbewusstsein. Deshalb wurde dieses Motiv auch im Porträtstudio gerne nachgefragt. Wie auf diesem Bild zu sehen, erscheint der Mann elegant und kontrolliert inszeniert: im Anzug, mit Krawatte, gepflegter Frisur und einer lässig gehaltenen Zigarette in der Hand. Die helle Spur über der Zigarette verstärkt den Eindruck von Rauch, Glut und mondäner Selbstpräsentation.
Technisch war das allerdings nicht ganz einfach. Zigarettenrauch, Glut oder eine kleine offene Flamme ließen sich mit den damaligen fotografischen Mitteln nur schwer überzeugend festhalten. Erst der Blick auf das Glasplattennegativ zeigt, dass es sich hier um einen handwerklichen Kunstgriff handelt. Im Bereich der Zigarette und des Rauchs ist dort eine auffällige rote Lasur- oder Abdeckfarbe zu erkennen.
Die rote Farbe – Werkzeug lange vor Photoshop
Solche Eingriffe waren keine Ausnahme und auch keine moderne Erfindung. Schon im 19. Jahrhundert beschrieben fotografische Handbücher ausführlich, wie Negative mit Bleistift, Lack, Lasurfarben, Pinseln und Messern bearbeitet wurden. Die Rückseite eines Glasnegativs war dabei ein wichtiger Arbeitsbereich. Dort konnte man Partien abdecken, abschwächen oder wieder freikratzen. Spätestens in den 1920er Jahren waren solche Mittel ganz normale Dunkelkammerartikel: Kataloge boten „feuchte Abdeckfarbe für Negative“ an, mit der Stellen auf der Rückseite der Platte abgedeckt wurden, die beim Kopieren nicht erscheinen sollten.
Der rote Farbton hatte dabei einen technischen Sinn. Viele fotografische Papiere und Reproduktionsmaterialien reagierten kaum auf rotes Licht. Deshalb konnte man in der Dunkelkammer mit rotem Sicherheitslicht arbeiten — und deshalb eigneten sich rote Maskierfarben besonders gut, um bestimmte Stellen beim Kopieren zu steuern. Was auf dem Negativ als grobe rote Spur sichtbar ist, erschien im fertigen Positiv nicht rot, sondern als heller Effekt.
So ließ sich die Glut einer Zigarette, Rauch oder eine kleine Flamme nachträglich verstärken oder überhaupt erst sichtbar machen. Das fertige Porträt wirkt auf den ersten Blick wie eine gelungene Aufnahme eines spontanen Moments. Das Glasplattennegativ aber verrät die Konstruktion hinter dieser Wirkung: analoge Bildbearbeitung, lange vor Photoshop.