Historicbits

Ein Bild und seine Geschichte

Das Auto
kommt ins Bild.

Vom Traum einer Fahrt
zum Zeichen des eigenen Erfolgs

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Eine Gruppe führt um einen offenen Kleinwagen eine Unfallszene auf. Der Aufnahmeort ist unbekannt. Glasplattennegativ, vermutlich aus den 1920er-Jahren.

Es scheint, als wäre eine fröhliche Fahrt zu einem schlechten Ende gekommen. Junge Leute auf einer Tour mit einem flotten offenen Wagen hatten einen Unfall, bei dem ein Mann verletzt wurde. Ein Uniformierter ist schon da, um die Einzelheiten aufzunehmen.

Ein Unfall, ein Spaß mit Stummfilmgesten – bei dem jeder eine Rolle hat

Die Gesten sind groß, jeder spielt eine Rolle, und eine komplexe Handlung soll in einem einzigen Bild dargestellt werden.

Warum und wo die Bilder gemacht wurden, ist nicht überliefert. Doch es handelt sich um eine sorgfältige Inszenierung mit dem Auto als Hauptdarsteller. Dieselben Beteiligten nehmen in den unterschiedlichen Aufnahmen am selben Ort andere Positionen ein. Ihre überdeutlichen Gesten erinnern an eine Stummfilmkomödie.

Eine weitere Aufnahme derselben Gruppe: Sie spielt eine andere Unfallszene mit dem offenen Kleinwagen. Glasplattennegativ, vermutlich aus den 1920er-Jahren.

Wer diese Menschen sind, wissen wir nicht. Namen, Aufnahmeort und Anlass der beiden Glasplattennegative fehlen. Anhand der Kleidung lassen sich die Aufnahmen vermutlich in die 1920er-Jahre datieren.

Die Verbreitung des Automobils und die Entwicklung der Fotografie zum Massenmedium sind eng mit den gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit verbunden. In Fotografien lässt sich verfolgen, wie das Auto vom bestaunten Luxusgut zum Bestandteil des Alltags wurde. Wie Menschen sich mit ihm fotografieren ließen, erzählt deshalb auch davon, welchen Stellenwert er für sie hatte.

Für einen Augenblick eine große Fahrt

Auf zwei Fotografien aus der Zeit um 1910 posieren Gruppen in Automobilkulissen. Frauen und Männer in ihrer besten Kleidung posieren in einem gemalten Automobil vor einer Landschaftskulisse. Beide Kulissen bilden die Bühne für eine gemeinsame Ausfahrt, die nur vor der Kamera stattfindet.

In den ersten Jahrzehnten der Automobilgeschichte war ein eigener Wagen in Deutschland ein Luxusgut vermögender Kreise. Für viele Menschen blieb er unerreichbar. Fotografen machten daraus ein Geschäft. Auf Jahrmärkten und Festen lockten sie ihre Kundschaft mit der Möglichkeit, sich im Auto in Szene zu setzen. Gemalte Autokulissen boten dafür eine einfache Lösung: Der Aufwand pro Aufnahme war gering. Schnell entstand ein erschwingliches persönliches Erinnerungsbild – verkauft wurde zugleich das Vergnügen, für einen Augenblick am Steuer zu sitzen.

Auch Soldaten ließen sich in solchen Kulissen fotografieren. Aufnahmen aus dem Umfeld von Truppenübungsplätzen zeigen Gruppen in Uniform, die in gemalten oder aus Holz gefertigten Automobilen sitzen. Aufschriften wie „Flucht aus Jüterbog“ und „Nach der Heimat“ geben den Bildern einen besonderen Bezug zum Soldatenleben. Die Fotografien wurden zu Erinnerungen an die gemeinsame Dienstzeit, möglicherweise auch zu Andenken an deren Ende.

Soldaten posieren in einer Autoattrappe. Munsterlager, ca. 1910. Fotograf: Schubert.

Soldaten posieren in einer Autoattrappe. Altes und Neues Lager, Kreis Jüterbog, ca. 1910. Fotograf: A. Gutenberg.

Die Künstlichkeit ist sichtbar, ebenso der Spaß am Posieren. Ob Zivilisten oder Soldaten – die Bilder funktionieren, unterhalten und amüsieren auch heute noch.

Gemeinsam unterwegs – gemeinsam im Bild

Das Auto verbindet Menschen im Bild zu Reisegesellschaften und Ausflugsgruppen. Ein Gemeinschaftserlebnis, das im Bild festgehalten werden soll. Wieder sind es professionelle Fotografen, die darin ein lohnendes Geschäftsmodell erkennen.

Stadtrundfahrten im offenen Bus

Vor Beginn der Stadtrundfahrt hielten Fotografen die Reisegesellschaft im offenen Bus fest. Fahrer, Begleiter und Fahrgäste posierten gemeinsam für ein Schnellfoto. Oft wurden schon während der Rundfahrt die Aufnahmen entwickelt und abgezogen. Bei der Rückkehr konnten die Reisenden ihr Erinnerungsbild kaufen.

Ein Statussymbol mit der eigenen Kamera fotografiert.

Ein Mann mit Kappe und hochgeschobener Schutzbrille am Steuer eines offenen Panhard & Levassor. Ca. 1900er-Jahre.

Mit Kappe und hochgeschobener Schutzbrille sitzt ein Mann am Steuer eines offenen Panhard & Levassor, erkennbar am „PL“-Monogramm auf dem Kühler. Um 1900 war ein eigenes Automobil ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Ohne Windschutzscheibe, hoch über der Straße, war der Fahrer Fahrtwind und Erschütterungen unmittelbar ausgesetzt. Das Bild vermittelt die Faszination des frühen Autofahrens – Geschwindigkeit und das Bewusstsein, etwas Besonderes zu besitzen.

Drei Männer und eine Frau posieren mit einer Mercedes-Benz-Limousine. Am Wagen ist eine Hakenkreuzfahne angebracht. 1930er-/1940er-Jahre.

In guter Kleidung posieren drei Männer an einer Mercedes-Benz-Limousine, eine Frau lächelt aus der geöffneten hinteren Tür. Die Männer lehnen lässig am Wagen, an dem eine Hakenkreuzfahne angebracht ist. Das Automobil steht im Mittelpunkt der Aufnahme. Die Inszenierung verbindet den Stolz auf den Wagen mit einem sichtbaren politischen Bekenntnis.

Ein Mann posiert neben seinem Trabant P50 Kombi. Um 1960.

Eine Frau posiert neben einem Ford Taunus 17 M P2 („Barocktaunus“). Um 1960.

Zwei private Aufnahmen aus Ost und West um 1960. In der Bundesrepublik posiert eine Frau neben einem Ford Taunus 17 M P2 („Barocktaunus“), gebaut von 1957 bis 1960. In der DDR zeigt sich ein Mann mit seinem Trabant P50 Kombi, der ab 1960 produziert wurde. Im Westen war das Auto ein Zeichen des wachsenden Wohlstands, im Osten ein begehrter Besitz, auf den viele lange warten mussten. Beide posieren stolz neben ihrem Wagen. Unterschiedlich sind auch die fotografischen Zeugnisse: Das westdeutsche Bild ist als Farbdia erhalten, das ostdeutsche als Schwarzweißabzug von „Drogerie-Photo Arno Maute, Jeßnitz“.

So wurde mit der Verbreitung der Amateurfotografie das eigene Auto immer häufiger zum Motiv privater Erinnerungsbilder. Wer sich einen eigenen Wagen leisten konnte, verfügte häufig auch über eine Kamera oder kannte jemanden, der fotografierte. Es entstanden private Aufnahmen, in denen Menschen sich bewusst mit ihrem Auto zeigten. Der Wagen konnte für Wohlstand, Erfolg und neue Unabhängigkeit stehen. Der Ausflug wurde als privates Erinnerungsbild festgehalten – mal gelungen, mal fotografisch nicht perfekt. Das Fahrzeug war dabei nicht bloß ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Teil der Selbstdarstellung.

Was bleibt, ist der Spaß am Auto und am Posieren

Zwei junge Männer haben auf einem Autowrack Platz genommen. 1920er-/1930er-Jahre.

Zwei junge Männer haben es sich auf einem Autowrack bequem gemacht. Fahren kann der Wagen offenbar nicht mehr, als Bühne taugt er weiterhin. Wie bei den gemalten Attrappen genügt das Auto, um sich vor der Kamera in Szene zu setzen.

Eine ausgelassene Gesellschaft drängt sich für ein Partyfoto in eine gemalte Autokulisse. Berlin, 1950er-Jahre.

Auch auf einem Berliner Partyfoto der 1950er-Jahre wird eine Fahrt nur gespielt: Eine Partygesellschaft drängt sich ausgelassen in eine Autokulisse. Der Spaß am gemeinsamen Posieren verbindet sie mit den beiden Männern auf dem Wrack – und mit der Gruppe, die in Stummfilmmanier auf der Landstraße einen Unfall aufführt.

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Sichten. Sichern.
Sichtbar machen.

Historische Fotografien aus privaten Alben, Sammlungen und Nachlässen erzählen vom Alltag ihrer Zeit. HistoricBits sucht, bewahrt und erschließt diese Bilder – und die Geschichten, die sich aus ihnen entwickeln lassen.

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