
Ein Bild und seine Geschichte
Vier Berufe
vor dem Meer
Fotograf, Kellner, Schornsteinfeger und Fleischer vor einer gemalten Strandkulisse. Eine sorgfältig inszenierte Berufsszene – aber wofür wurde sie aufgenommen?
Die Geschichte lesen ↓Vier Männer stehen am Strand. Zumindest soll es so aussehen. Im Hintergrund Meer und Wolken – doch beides ist gemalt. Die Aufnahme entstand im Fotoatelier.
Der Name des Fotoateliers ist durch den Aufdruck auf der Aufnahme bekannt: Walter Brunke bezeichnet sich als Nachfolger von Niels Tröger. Genannt werden zwei Standorte: Juist und Große Osterstraße 30 in Emden, gegenüber dem Telegraphenamt. Die Aufnahme dürfte nach Kleidung, Machart und der dargestellten Kamera etwa in den 1910er Jahren entstanden sein.
Eine deutlich spätere Anzeige von 1928 belegt Brunke mit einem „Fotohaus Walter Brunke“ auf Juist, am Hotel Friesenhof. Dort warb er unter anderem mit „erstklassigen Strandaufnahmen“ und einer großen Auswahl an Ansichtskarten. Die Anzeige zeigt, dass Strandmotive und das Geschäft mit Bildern für Badegäste zu seinem Angebot gehörten.

Bei der Aufnahme bleiben viele Fragen offen. Die Männer verkörpern vier Berufe, durch Kleidung und Accessoires klar definiert: Fotograf, Kellner, Schornsteinfeger und Fleischer. Nichts daran wirkt zufällig. Ob die Männer tatsächlich diese Berufe ausübten oder für die Aufnahme nur diese Rollen übernahmen, kann man nicht wissen. Ebenso wenig wissen wir, zu welchem Zweck das Bild entstand und warum gerade diese vier Berufe am Strand zusammenfinden.
Der Schornsteinfeger trägt nicht nur seine Arbeitskleidung; auch Gesicht und Hand sind mit Ruß geschwärzt. Der Fotograf hält eine kompakte, tragbare Plattenkamera und trägt einen Laborkittel. Ausgerechnet mit einer Kamera für Aufnahmen außerhalb des Ateliers steht er vor einem gemalten Strand. Den Laborkittel trug er wohl auch eher nicht beim Fotografieren am Strand. Aber darum ging es auch nicht. Es ging um die typisierte Darstellung der Berufe.
Was aber war dieses Bild? Ein ungewöhnliches Gruppenporträt? Eine scherzhafte Inszenierung, die als Souvenir angeboten wurde? War der dargestellte Fotograf Brunke selbst, und diente das Bild der Eigenwerbung seines Ateliers? Eine wirkliche Antwort gibt es darauf nicht.
auf Schlittschuhen

Ein Junge in Kochkleidung – und auf Schlittschuhen. Ein tatsächliches Berufsporträt kann das nicht sein. Die Aufnahme aus dem Atelier von Franz Lechner in Wien ist offensichtlich inszeniert. Aber was sehen wir: eine Verkleidung, ein Scherzfoto oder ein für den Verkauf produziertes Sammelbild?
Der „kleine Koch“ war in der populären Bildwelt ein bekanntes Motiv. Kinder in Kochkleidung erscheinen auf Fotografien, Stereokarten, Ansichtskarten, Werbe- und Sammelbildern.


Die beiden hier gezeigten Stereofotografien aus den 1930er Jahren gehören zu einer Serie und tragen die Titel „Der kleine Koch 1“ und „Der kleine Koch 2“.
Solche Genrebilder wurden verkauft und gesammelt. Sie zeigen nicht in erster Linie eine bestimmte Person um ihrer selbst willen, sondern eine inszenierte, allgemein verständliche Rolle oder eine kleine Szene aus dem Alltag. Diese Tradition ist älter als die Fotografie: Fotografen griffen bereits im 19. Jahrhundert Motive und Inszenierungsformen der Genremalerei auf.


Ob aber alle Kinderaufnahmen in Berufskleidung für diesen Zweck entstanden oder ob es sich um private Erinnerungsfotos von Kindern handelt, die sich für die Kamera zum Beispiel zum Fasching verkleidet haben, bleibt auch hier offen.


Dass sich Menschen in Berufskleidung im Fotoatelier fotografieren ließen, war im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht selten.
Zwei Porträts aus dem Fotoatelier Theodor Wenzel in Berlin zeigen Männer vor einer typischen Atelierkulisse. Sie stehen aufrecht und selbstbewusst vor der Kamera, die Arme vor dem Körper verschränkt. Beide tragen vollständige weiße Arbeitskleidung: eine weiße Mütze, eine hochgeschlossene helle Jacke und eine lange weiße Schürze. Die Kleidung ist sauber und sorgfältig angelegt und wird deutlich sichtbar präsentiert.
Bemerkenswert ist hier zunächst nicht, welchen Beruf die beiden Männer genau ausübten, sondern die Entscheidung, sich gerade in dieser Kleidung fotografieren zu lassen. Sie posieren mit ihrer Arbeitskleidung in derselben repräsentativen Atelierkulisse, in der sich andere Menschen als Familie und im Sonntagsstaat porträtieren ließen. Die Arbeitskleidung wird damit selbst Teil ihrer Selbstdarstellung und lässt Stolz auf den eigenen Beruf erkennen.
Koch, Konditor oder Fleischer?
Die weiße Berufskleidung allein erlaubt nicht immer eine eindeutige Zuordnung. Einen zeitgenössischen Beleg liefert eine Anzeige für Berufskleidung in der Volksstimme vom 8. April 1908. Angeboten werden dort unter anderem Konditor-Jacken, „Koch- und Konditor-Mützen“ sowie Fleischer-Blusen und Fleischer-Jacketts.

und der Wetzstahl


Hier geben die Accessoires, die sorgsam in Szene gesetzt sind, den Hinweis. Auf der einen Aufnahme hängt am Gürtel der Messerköcher. Darin stecken mehrere Messer für unterschiedliche Arbeiten. Auf der anderen ist der Wetzstahl deutlich zu sehen, mit dem sich die Schneiden während der Arbeit scharf halten lassen. Beides gehört zur alltäglichen und typischen Ausrüstung des Fleischers.
Auf dem Atelierfoto bekommen Messerköcher und Wetzstahl zugleich eine zusätzliche Funktion: Während die weiße Arbeitskleidung auch zu anderen Berufen passen könnte, weisen sie sehr viel eindeutiger auf das Fleischerhandwerk. Sie werden zu sichtbaren Zeichen seines Berufs.
Auch darin lässt sich berufliches Selbstverständnis erkennen. Der Mann lässt sich nicht nur als Person porträtieren – er will als Fleischer gesehen werden.
Vom Atelier an den Arbeitsplatz
Porträts von Menschen, auf denen ihre berufliche Identität durch Arbeitskleidung, Werkzeuge oder andere typische Attribute sichtbar gemacht wird, sind kein Einzelfall. In der Fotografie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts finden sich zahlreiche solcher Aufnahmen.
Die Bandbreite ist groß. Neben den sorgfältig arrangierten Aufnahmen im Fotoatelier entstanden Bilder unmittelbar im Arbeitsumfeld. Eine besondere Rolle spielten dabei Wanderfotografen, die von Ort zu Ort zogen und ihre Dienste dort anboten, wo ihre Kunden lebten und arbeiteten. Sie fotografierten Menschen vor ihren Häusern, auf Höfen und bei der Arbeit.
Auch diese Aufnahmen sind häufig gestellt: Die Menschen unterbrechen ihre Arbeit, stellen sich vor die Kamera und präsentieren sich mit ihrer Arbeitskleidung, ihren Werkzeugen oder Produkten. Doch anders als im Atelier bleibt die tatsächliche Arbeitsumgebung sichtbar.



Was von den Bildern bleibt
Uns fehlen heute häufig genau die Informationen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme selbstverständlich waren. Namen verschwinden. Widmungen gehen verloren. Fotografien werden aus Familienalben herausgelöst und einzeln verkauft. Was übrig bleibt, ist das Bild.
Gerade deshalb sind Beschriftungen, Rückseiten, Atelierangaben, Provenienz und Vergleichsbilder so wichtig. Sie können aus einer plausiblen Vermutung eine belegbare Geschichte machen – oder eine scheinbar eindeutige Erklärung wieder infrage stellen.
Und damit stehen wir wieder vor den vier Männern am gemalten Strand. Wir kennen nun mehrere Möglichkeiten, solche Bilder zu lesen – aber noch immer nicht den konkreten Anlass dieser Aufnahme. Die Fotografie zeigt erstaunlich genau, wie die Männer aussehen sollten. Warum sie so aussehen sollten, verrät sie uns nicht.
HistoricBits
Sichten. Sichern. Sichtbar machen.
HistoricBits widmet sich historischen Fotografien, die in privaten Alben, Sammlungen und Nachlässen erhalten geblieben sind. Das Projekt sucht, bewahrt, erschließt und veröffentlicht Bilder, die sonst verloren gehen oder vergessen werden könnten.
Im Mittelpunkt stehen oft übersehene Formen der Gebrauchsfotografie: kommerzielle Fotografie, Amateuraufnahmen, lokale Pressebilder, Atelierfotografie, Automatenbilder und Schnellfotografie.
Viele dieser Fotografien entstanden nicht als Kunst und nicht mit dem Anspruch, Geschichte zu dokumentieren – und sind heute dennoch wichtige historische Quellen.
Sie wurden gemacht, um Erinnerungen festzuhalten, Dienstleistungen anzubieten oder mit Fotografie ein Geschäft zu betreiben. Gerade diese unmittelbare Verbindung zum Alltag macht sie heute wertvoll.
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