
Ein Bild und seine Geschichte
Der Traum
vom Fliegen
Wie reisende Fotografen mit Einfallsreichtum und Fotomontagen die Illusion eines Abenteuers schufen.
Die Geschichte lesen ↓Ein Junge sitzt im offenen Cockpit eines Flugzeugs und schaut lächelnd zur Kamera. Die Tragfläche zieht sich quer durch das Bild, der Propeller scheint sich zu drehen. Unter den Rädern liegen die Dächer und Türme der Hamburger Innenstadt, dahinter die Alster.
Eine andere Bildserie zeigt das gleiche Flugzeug über einer weiten Landschaft mit einem Dorf und einem Kirchturm. Welcher Ort dargestellt ist, wissen wir nicht. In der Überblendung wird das Prinzip deutlich: Die Porträts wechseln, Flugzeug und Landschaft bleiben gleich. Verschiedene Kinder gehen in derselben Bildvorlage auf Flugreise. Doch diese Flugreisen hat es nie gegeben. Die Bilder sind offensichtlich Fotomontagen.
Fliegen – vorerst nur im Bild
Die Kleidung und Frisuren der Kinder sowie die Flugzeugdarstellungen auf den Fotopostkarten erlauben eine grobe Einordnung in die 1920er- bis 1930er-Jahre. Zu dieser Zeit gab es bereits Linienflüge, und in den 1920er-Jahren wuchs das Streckennetz. Doch Fliegen blieb teuer und war für die meisten Familien kein selbstverständliches Verkehrsmittel, sondern ein Luxus- und Abenteuererlebnis. Ein persönliches Porträt als Fotomontage einer Reise im Flugzeug machte diesen Traum zumindest im Bild möglich.
Die Tricks der Fotografen


Auf den ersten Blick überrascht die Darstellung. Bei genauerem Hinsehen werden jedoch Schnittkanten und Übergänge sichtbar, die erkennen lassen, wie die einzelnen Bildelemente zu einer Montage verbunden wurden. Wie die Fotografen dabei technisch vorgingen, bleibt offen: Mehrfachbelichtungen, Papiernegativ-Collagen oder andere Verfahren kommen infrage. Die fertigen Abzüge verraten wenig über die Handgriffe, Hilfsmittel und Zwischenstufen.
Die Bilder zeugen jedoch von Einfallsreichtum. Möglicherweise entwickelten Fotografen eigene Arbeitsschritte, passten Geräte an, malten Kulissen selbst oder kombinierten bekannte Verfahren zu neuen Bildtricks.
Aufnahme, Bildbearbeitung und Fertigstellung mussten zuverlässig ineinandergreifen. Die vorbereiteten Vorlagen verringerten den Aufwand für jedes weitere Bild. Das fertige Porträt sollte schließlich gleich mitgenommen werden können.
Für die Kundinnen und Kunden zählte vermutlich vor allem die Bildwirkung. Kleine technische Unvollkommenheiten dürften gegenüber dem Reiz eines ungewöhnlichen Porträts in den Hintergrund getreten sein.
Eine Geschichte aus wenigen Spuren
Über die Fotografen hinter diesen Bildern wissen wir nichts. Ihre Namen fehlen. Erhalten sind die Bilder, die ihre Kunden mitgenommen und aufbewahrt haben. Wegen ihrer ungewöhnlichen Darstellung und ihres humoristischen Werts wurden sie wohl auch dann noch bewahrt und gesammelt, als der persönliche Bezug zu den Abgebildeten längst verloren gegangen war. So sind die Fotografien selbst unsere wichtigste Quelle. Ihre Geschichte erschließen wir aus dem, was wir sehen, was auf den Rückseiten vermerkt ist und was wir im Vergleich mit anderen Bildern schlussfolgern können.
HistoricBits
Sichten. Sichern. Sichtbar machen.
HistoricBits widmet sich historischen Fotografien, die in privaten Alben, Sammlungen und Nachlässen erhalten geblieben sind. Das Projekt sucht, bewahrt, erschließt und veröffentlicht Bilder, die sonst verloren gehen oder vergessen werden könnten.
Im Mittelpunkt stehen oft übersehene Formen der Gebrauchsfotografie: kommerzielle Fotografie, Amateuraufnahmen, lokale Pressebilder, Atelierfotografie, Automatenbilder und Schnellfotografie.
Viele dieser Fotografien entstanden nicht als Kunst und nicht mit dem Anspruch, Geschichte zu dokumentieren – und sind heute dennoch wichtige historische Quellen.
Sie wurden gemacht, um Erinnerungen festzuhalten, Dienstleistungen anzubieten oder mit Fotografie ein Geschäft zu betreiben. Gerade diese unmittelbare Verbindung zum Alltag macht sie heute wertvoll.
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