WIE FARBE INS BILD KAM
Die Handkolorierung ist ein auffälliges Merkmal vieler Trachtenfotografien aus dem Schaumburger Raum. Mit feinen Pinseln wurden Farben nachträglich auf den fertigen Abzug aufgetragen. Konturen, Schatten und Einzelheiten stammten aus der Fotografie; die Farbe hob vor allem jene Bestandteile hervor, die für das Erscheinungsbild der Tracht entscheidend waren.


Der Aufwand unterschied sich erheblich. Manche Aufnahmen sind bis in kleine Ornamente, Schmuckstücke und Blüten sorgfältig ausgearbeitet, andere erhielten nur wenige kräftige Farbflächen.


Die Unterschiede könnten mit Preis und Verwendungszweck zusammenhängen. Aufwendig kolorierte Fotografien waren möglicherweise für private Auftraggeber bestimmt, einfacher bearbeitete Abzüge eigneten sich eher für größere Auflagen.
Handkolorierte Trachtenfotografien sind auch aus anderen Regionen bekannt. Im Schaumburger Raum fällt jedoch die Zahl der beteiligten Ateliers und die Häufigkeit wiederkehrender Motive auf. Offenbar bestand eine anhaltende Nachfrage nach farbigen Darstellungen der regionalen Kleidung.
Die Farbe steigerte damit nicht nur die Wirkung der einzelnen Aufnahme. Sie machte die Tracht zum Blickfang und trug dazu bei, ein wiedererkennbares Bild Schaumburgs zu verbreiten.




WAS TRACHT BEDEUTETE
Tracht war ursprünglich keine Verkleidung, sondern eine regional geprägte Form der Kleidung. Sie entwickelte und veränderte sich über lange Zeit. Materialien, örtliches Handwerk, wirtschaftliche Verhältnisse, Konfession, Mode und gesellschaftliche Regeln führten dazu, dass sich die Kleidung von Landschaft zu Landschaft und manchmal sogar zwischen benachbarten Dörfern unterschied.
Tracht machte Herkunft und Zugehörigkeit sichtbar. Einzelne Kleidungsstücke, Farben, Schmuckformen und Hauben konnten außerdem auf Alter, Familienstand, Wohlstand und Anlass hinweisen. Kleidung war damit Teil des Alltags, soziale Sprache und Ausdruck regionaler Identität.
Das Schaumburger Land galt lange als das „Land der roten Röcke“. Dabei gab es nicht nur eine Schaumburger Tracht. Unterschieden werden z. B. die Apelerner, Österten, Westerten, Friller und Holtruper Tracht. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal war die regional verschieden geformte Bandmütze; gemeinsam war den Frauentrachten der lange rote Tuchrock.
Die Bückeburger Tracht gehört zur Westerten Tracht, die westlich von Stadthagen bis zum Schaumburger Wald verbreitet war. Zur festlichen Frauenkleidung zählten Leinenhemd, Wams, roter Bandrock, bestickte Schürze, Schultertuch, weißer Kragen, gestrickte „Handschen“ sowie Ketten und silberne Schließen. Besonders auffällig war die große schwarze Flügelhaube. Ihre weit ausgreifenden Schleifen gaben der Bückeburger Tracht eine unverwechselbare Silhouette. Im Laufe der Zeit wurden sie immer größer. Auch daran zeigt sich, dass Tracht keine seit Jahrhunderten unveränderte Uniform war. Mit wachsendem Wohlstand wurden Stickereien und Schmuck üppiger; durch den Handel gelangten neue Stoffe, Bänder und Perlen in die Region.1
1 Vgl. Lücking, Wolf / Sturma, Jürgen: Trachten im Schaumburger Land, Münster 2002; Kästing, Friederike / Mensching, Sophie: Rote Röcke. Trachten und Brauchtum im Schaumburger Land, Stadthagen 2000.




Zwischen 1860 und 1880 verbreitete sich die Fotografie, wurde leichter zugänglich und immer mehr Ateliers in der Region nahmen ihren Betrieb auf. Der kostspielige Atelierbesuch war meist einem besonderen Anlass vorbehalten. Wer sich fotografieren ließ, erschien entsprechend sorgfältig gekleidet – in Sonntags- oder Festkleidung und damit häufig in der jeweils getragenen Tracht. Viele der erhaltenen Bilder aus dieser Zeit dürften daher Bewohnerinnen und Bewohner zeigen, die sich für ihre Familie oder ihr persönliches Umfeld aufnehmen ließen. Das private Porträt ist deshalb eine wichtige mögliche Ausgangsfunktion dieser frühen Trachtenfotografien.
Besonders aufschlussreich sind Paarporträts vom Ende des 19. Jahrhunderts, auf denen unterschiedliche Kleidungswelten zusammentreffen. Die Frauen tragen noch Tracht, während die Männer in guter bürgerlicher Kleidung oder in Uniform erscheinen.


Solche Kombinationen verweisen auf eine gesellschaftliche Übergangsphase. Die zurückhaltendere Männertracht aus Leinenhemd oder Kittel, Weste, Hose und Mütze verschwand offenbar früher aus dem allgemeinen Gebrauch als die Frauentracht. Während Männer bereits Anzug oder Uniform trugen, erschienen Frauen weiterhin in Tracht. So konnten innerhalb derselben Familie traditionelle und neuere Kleidungsformen nebeneinander bestehen.
DAS BILD DER REGION –
EIN
GESCHÄFT
Bückeburger Trachtenfotografien entstanden sowohl als private Porträts für Einheimische als auch als Souvenirs und Sammelbilder. Sie dokumentieren deshalb nur teilweise die tatsächlich gelebte Trachtenkultur und prägten zugleich ein idealisiertes Bild der Region.


Für die Ateliers ergaben sich mehrere Geschäftsfelder: private Porträts, Aufnahmen von Besuchern in regionaler Kleidung und inszenierte Trachtenbilder. Kleidung, Pose, Requisiten und Hintergrund konnten dabei gezielt zusammengestellt und die Negative anschließend mehrfach verwendet werden.


Manche Aufnahmen dürften ursprünglich als private Porträts entstanden sein. Besonders geeignete Motive konnten später vom vorhandenen Negativ erneut abgezogen und als Souvenir angeboten werden. Das Bild dokumentierte dann nicht mehr nur eine Person, sondern wurde selbst zum wiederverwendbaren Motiv.
Daneben entstanden offenbar Aufnahmen, die von Anfang an für diesen Markt bestimmt waren. Situationen des dörflichen Lebens wurden im Atelier oder vor geeigneter Kulisse nachgestellt. Sie sollten weniger einen konkreten Alltag dokumentieren als eine anschauliche Vorstellung vom regionalen Leben vermitteln.
Stempel und Beschriftungen auf den Rückseiten zeigen, dass solche Fotografien auch über weitere Verkaufsstellen vertrieben wurden. Der Vermerk der Kurz-, Galanterie- und Lederwarenhandlung Heinrich Habenicht in Minden belegt, dass einzelne Motive über den Ort ihrer Herstellung hinaus in den Handel gelangten.






Mit der Verbreitung löste sich das Trachtenbild zunehmend von den einzelnen Personen. Wiederkehrende Kleidung, Posen, Kulissen und Requisiten machten aus individuellen Aufnahmen leicht erkennbare Motive der Region.




Die Entwicklung setzte sich mit der gedruckten Ansichtskarte bis weit ins 20. Jahrhundert fort. Erfolgreiche Motive ließen sich immer wieder reproduzieren und prägten dadurch die Vorstellung von Schaumburg.




Tracht, bäuerliches Leben, Landschaft und die Vorstellung einer vermeintlich unverfälschten Heimat verschmolzen zu einer idealisierten Bildwelt. Diese Bilder wirkten weit über ihren ursprünglichen fotografischen und kommerziellen Zusammenhang hinaus und konnten später auch für unterschiedliche Vorstellungen von Heimat und Identität vereinnahmt werden.
BILDER UND IHRE GESCHICHTEN
Fotografien erzählen Geschichten. Bei gefundenen und überlieferten Bildern fehlen jedoch oft die Menschen, die ihren Anlass noch erklären könnten. Manchmal bleiben nur Namen, Widmungen oder Hinweise auf der Rückseite.
Solche Spuren lassen sich mit anderen Aufnahmen und historischen Quellen vergleichen. Die folgenden Beispiele zeigen, was sich daraus über Personen, Verwendungszweck und Herstellung rekonstruieren lässt – und wo Fragen offenbleiben.
Namen auf den Rückseiten
Auf Fotografien finden sich häufig handschriftliche Widmungen oder Namen. Im Beispiel mit den Schwestern Mathilde und Jenny legt die Beschriftung nahe, dass es sich um ein privates Porträt und ein persönliches Erinnerungsstück handelt.


Ein weiteres Beispiel aus dem Atelier F. W. Kuhlmann zeigt eine Frau und ein Mädchen in Tracht. Auf der Rückseite stehen „Frau Baumann“ und „Ella Baumann“. Die Namen machen deutlich, dass die Dargestellten als konkrete Personen in Erinnerung blieben und sprechen für eine private Verwendung.


Auswärtige Besucher in Bückeburger Tracht
Ein Gruppenbild aus dem Atelier F. W. Kuhlmann zeigt mehrere Frauen in Bückeburger Tracht und einen Mann. Erst die Rückseite verändert die Deutung: Sie erinnert an einen Ausflug 1905 nach Obernkirchen und nennt für mehrere Frauen Herkunftsorte wie Bremen, Hannover und vermutlich Charlottenburg. Ein Teil der Gruppe kam also von außerhalb.


Dasselbe Negativ, andere Farben
Zwei erhaltene Abzüge stimmen in Haltung, Gesicht, Kleidung und Kulisse überein, unterscheiden sich aber in Farbgebung und Verzierung. Die mehrfache Verwendung des Negativs ist damit sicher. Der Vergleich zeigt zugleich, dass die Kolorierung nicht zwangsläufig die tatsächlich getragenen Farben dokumentierte.


Das ländliche Leben als inszenierte Fotografie
Fotografien aus dem Atelier von L. Feuerrohr in Rinteln und Bad Nenndorf zeigen, wie ländliches Leben im Atelier inszeniert wurde.
Ausgestopfte Hühner und Tauben, eine Zaun-Staffage und eine gemalte Landschaft erzeugten die gewünschte Umgebung. Besonders aufschlussreich sind die Hühner: Dieselben Tiere erscheinen in beiden Aufnahmen an unterschiedlichen Stellen und wurden für die jeweilige Aufnahme neu positioniert.




Besonders interessant ist die Gegenüberstellung derselben jungen Frau in Tracht und in ziviler Kleidung. Die Rückseite bezeichnet die beiden Darstellungen ausdrücklich als „in Bückeburger Tracht und in Zivil“.
Da die Aufnahmen mit ihrem Namen gekennzeichnet sind, liegt eine private Porträtaufnahme nahe. Ob die Frau aus der Region stammte oder als Besucherin im Atelier fotografiert wurde, bleibt offen.
Die Aufnahmen machen sichtbar, wie regionale Wirklichkeit im Atelier hergestellt werden konnte: Person, Tracht, Kulisse und Requisiten wurden zu einer scheinbar authentischen ländlichen Bildwelt zusammengesetzt.
ATELIERS UND FOTOGRAFEN
Die erhaltenen Arbeiten verschiedener Fotografen zeigen, dass sich in der Region ähnliche Formen der fotografischen Darstellung herausbildeten. Neben klassischen Porträts entstanden inszenierte und vor allem kolorierte Trachtenaufnahmen. Als kommerzielle Unternehmen produzierten die Ateliers damit nicht nur private Erinnerungsbilder, sondern formten zugleich ein bestimmtes fotografisches Bild der Region.
Gustav David
Atelier in Bückeburg, Lange Straße 42


L. Feuerrohr
Ateliers in Rinteln und Bad Nenndorf




William Focke
Atelier in Bückeburg
William Focke arbeitete in Hannover im Umfeld der Firma Focke & Ahlfeld, später unter eigenem Namen mit einer Filiale in Bückeburg.


Emma Goldstein
Ateliers in Bückeburg, Langestraße 3, und Minden, Kleiner Domhof 11
Emma Goldstein gehörte zu den vergleichsweise wenigen Frauen, die sich bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert professionell in der Fotografie betätigten.


Emma Goldstein produzierte konventionelle Porträts und auch humorvolle und inszenierte Kostümbilder sowie kolorierte Trachtenporträts. Ein Beispiel für ein humorvolles und inszeniertes Kostümbild ist eine Aufnahme aus Bückeburg, die auf den 21. März 1896 datiert ist. Die handschriftliche Beschriftung bezeichnet die beiden dargestellten jungen Frauen als „Frl. Mosbach und Frl. Schkerl als altes Ehepaar im Kostüm“.


G. Klimmer
Atelier in Bückeburg, Ulmen-Allee


Atelier Kuhlmann
Atelier in Bückeburg, Schulstraße 19; später auch in Bad Eilsen
Die Geschichte des Ateliers Kuhlmann lässt sich als die eines über längere Zeit bestehenden Familienunternehmens rekonstruieren. Ältere Karten tragen den Namen F. Kuhlmann, Bückeburg, Schulstraße 19; später erscheint „F. W. Kuhlmann“, zusätzlich mit einem Standort in Bad Eilsen.


Ein handkoloriertes Trachtenpaar von 1896 trägt auf der Rückseite den Hinweis „F. W. Kuhlmann – Photographische Anstalt – Bückeburg – Nachdruck verboten“. Der Vermerk zeigt, dass das Motiv als wirtschaftlich verwertbares Bildprodukt betrachtet wurde.


Spätestens im frühen 20. Jahrhundert wurden Trachtenmotive und Ortsansichten als nummerierte Ansichtskarten im Kunstverlag F. W. Kuhlmann vertrieben. Aus dem für Nachbestellungen angelegten Negativbestand des Ateliers war damit ein reproduzierbares Bildarchiv und schließlich ein Verlagsprogramm geworden.



Wie F., F. W. und J. Kuhlmann genau miteinander verwandt waren, ist damit noch nicht geklärt. Dass das Geschäft aber von Vater auf Sohn überging, liegt nahe. Aus dem Negativarchiv eines Bückeburger Fotoateliers war ein über Generationen weitergeführter Bildbestand und Kunstverlag geworden.
Moritz Sweers
Atelier in Minden, Bäckerstraße 25
Die Rückseiten seiner Fotos werben mit Zeichnungen einer Plattenkamera, fotografischen Chemikalien und einer Malerpalette mit Pinseln. Sie verbinden so die fotografische Technik und die nachträgliche Bildbearbeitung auch in der Selbstdarstellung des Ateliers.


Friedrich Wehde
Ateliers in Bückeburg und Stadthagen, Bahnhofsweg 6; zuvor in Hannover, Osterstrase 83
Friedrich Wehde tritt innerhalb dieser regionalen Bildproduktion durch seine hochwertigen Handkolorierungen besonders hervor. Ein Branchenrückblick von 1920 berichtet, dass er ursprünglich Glasmaler war und im Dezember 1879 ein fotografisches Atelier eröffnete. Später führte er Ateliers in Bückeburg und Stadthagen und trug den Titel Hoffotograf.






Wehdes beste Trachtenaufnahmen unterscheiden sich durch eine besonders sorgfältige Farbgebung. Die Kolorierung folgt Stoffen, Falten und Schatten und hebt Blüten, Schmuck und Muster hervor. Seine frühere Tätigkeit als Glasmaler könnte den sicheren Umgang mit kleinen Flächen und feinen Farben erklären.
Der Name Friedrich Wehde bestand später als Firmenbezeichnung fort. Nach dem Ersten Weltkrieg erscheint „Hofphotograph Friedrich Wehde Nachf., Inh. O. Wehde“.
