Handkoloriertes Porträt
            einer Frau in Bückeburger Festtagstracht von Friedrich
            Wehde

Fotoerbe Schaumburger Land

Das Geschäft
mit der Tracht

Porträt, Inszenierung und regionale Identität in der Schaumburger Fotografie.

Geschichte lesen

EIN KLEINES KUNSTWERK

Eine junge Frau steht aufrecht vor der Kamera. Neben ihr befindet sich ein schmaler, beinahe zierlich wirkender Tisch. Darauf steht eine metallene Vase mit einem Strauß weißer, blauer, gelber und rosafarbener Blumen. Der neutrale Hintergrund und der Teppichboden bilden eine typische Kulisse eines Fotoateliers am Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Frau trägt einen langen roten Rock, reich verzierten Brustschmuck, bestickte Ärmel, einen breiten weißen Kragen und die große schwarze Flügelhaube der Bückeburger Tracht. Ihr Gesichtsausdruck ist konzentriert, aber freundlich. Mit einer Hand stützt sie sich leicht auf dem Tisch ab, in der anderen hält sie einige Blumen. Unter dem Bild steht in geschwungener Schrift der Hinweis auf den Fotografen: „Friedr. Wehde – Hof-Photograph – Bückeburg und Stadthagen“, dazu ein Wappen.

Schon auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass diese Aufnahme mehr sein will als ein gewöhnliches Atelierporträt. Kleine Blüten auf den Ärmeln, Schmuckstücke, Bänder, Rockfalten und selbst die Blumen in der Vase wurden sorgfältig farbig herausgearbeitet. Rot, Rosa, Blau, Grün und Gelb verwandeln den fotografischen Abzug beinahe in ein kleines Gemälde.

Carte de Visite in
                annähernder Originalgröße
Originalgröße 6,5 × 10,5 cm
Vergrößerter
                  Ausschnitt mit Gesicht, Händen und Blumenstrauß
Detail

Friedrich Wehde

Die Grundlage ist eine Schwarzweißfotografie. Da eine praktikable Farbfotografie den Ateliers damals noch nicht zur Verfügung stand, wurden die Farben nachträglich auf den Papierabzug aufgetragen. Gerade diese Verbindung von Fotografie und Malerei macht den besonderen Reiz des Bildes aus.

Das Bild wirft Fragen auf, die für den gesamten Bestand gelten: Wer stand vor der Kamera, wem gehörte die Tracht, für wen entstand die Aufnahme – und was geschah später mit dem Negativ?

Die erhaltenen Aufnahmen zeigen unterschiedliche Funktionen der Trachtenfotografie: private Porträts, inszenierte Bilder und später auch kommerziell verbreitete Motive. Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich diese Formen überlagerten und wie aus Fotografien einzelner Menschen allmählich Bilder einer ganzen Region wurden.

Zum geografischen Rahmen: Der Untersuchungsraum ist das historische Schaumburger Land mit. Im Mittelpunkt stehen Bückeburg und Stadthagen sowie die Atelier- und Kurorte Bad Eilsen, Rinteln und Bad Nenndorf. Die fotografische Praxis reichte jedoch über diese Grenzen hinaus. Deshalb werden auch Verbindungen nach Minden und in weitere angrenzende Orte berücksichtigt.

01

WIE FARBE INS BILD KAM

Die Handkolorierung ist ein auffälliges Merkmal vieler Trachtenfotografien aus dem Schaumburger Raum. Mit feinen Pinseln wurden Farben nachträglich auf den fertigen Abzug aufgetragen. Konturen, Schatten und Einzelheiten stammten aus der Fotografie; die Farbe hob vor allem jene Bestandteile hervor, die für das Erscheinungsbild der Tracht entscheidend waren.

Historische
                  handkolorierte Fotografie einer Frau in Bückeburger
                  TrachtHistorische handkolorierte Fotografie einer Frau
                  in Bückeburger Tracht
Die Kolorierung macht die farbliche Wirkung von Rock, Bändern, Schmuck und Stickerei sichtbar.Ohne Atelierangabe

Der Aufwand unterschied sich erheblich. Manche Aufnahmen sind bis in kleine Ornamente, Schmuckstücke und Blüten sorgfältig ausgearbeitet, andere erhielten nur wenige kräftige Farbflächen.

Kräftig
                  handkolorierte Trachtenszene mit zwei Personen und
                  Spinnrad aus dem Atelier Gustav DavidHandkoloriertes Porträt einer Frau in Bückeburger
                  Tracht aus dem Atelier F. W. Kuhlmann
Eher einfache Farbflächen heben die charakteristischen Elemente der Tracht hervor.Gustav David · F. W. Kuhlmann

Die Unterschiede könnten mit Preis und Verwendungszweck zusammenhängen. Aufwendig kolorierte Fotografien waren möglicherweise für private Auftraggeber bestimmt, einfacher bearbeitete Abzüge eigneten sich eher für größere Auflagen.

Handkolorierte Trachtenfotografien sind auch aus anderen Regionen bekannt. Im Schaumburger Raum fällt jedoch die Zahl der beteiligten Ateliers und die Häufigkeit wiederkehrender Motive auf. Offenbar bestand eine anhaltende Nachfrage nach farbigen Darstellungen der regionalen Kleidung.

Die Farbe steigerte damit nicht nur die Wirkung der einzelnen Aufnahme. Sie machte die Tracht zum Blickfang und trug dazu bei, ein wiedererkennbares Bild Schaumburgs zu verbreiten.

Handkolorierte
                  Bückeburger Trachtenfotografie von William FockeHandkolorierte Bückeburger Trachtenfotografie von
                  Friedrich Wehde
Handkolorierte Bückeburger Trachtenfotografie von
                  F. W. KuhlmannHandkolorierte Bückeburger Trachtenfotografie von
                  F. W. Kuhlmann
William Focke · Friedrich Wehde · F. W. Kuhlmann
02

WAS TRACHT BEDEUTETE

Tracht war ursprünglich keine Verkleidung, sondern eine regional geprägte Form der Kleidung. Sie entwickelte und veränderte sich über lange Zeit. Materialien, örtliches Handwerk, wirtschaftliche Verhältnisse, Konfession, Mode und gesellschaftliche Regeln führten dazu, dass sich die Kleidung von Landschaft zu Landschaft und manchmal sogar zwischen benachbarten Dörfern unterschied.

Tracht machte Herkunft und Zugehörigkeit sichtbar. Einzelne Kleidungsstücke, Farben, Schmuckformen und Hauben konnten außerdem auf Alter, Familienstand, Wohlstand und Anlass hinweisen. Kleidung war damit Teil des Alltags, soziale Sprache und Ausdruck regionaler Identität.

Das Schaumburger Land galt lange als das „Land der roten Röcke“. Dabei gab es nicht nur eine Schaumburger Tracht. Unterschieden werden z. B. die Apelerner, Österten, Westerten, Friller und Holtruper Tracht. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal war die regional verschieden geformte Bandmütze; gemeinsam war den Frauentrachten der lange rote Tuchrock.

Die Bückeburger Tracht gehört zur Westerten Tracht, die westlich von Stadthagen bis zum Schaumburger Wald verbreitet war. Zur festlichen Frauenkleidung zählten Leinenhemd, Wams, roter Bandrock, bestickte Schürze, Schultertuch, weißer Kragen, gestrickte „Handschen“ sowie Ketten und silberne Schließen. Besonders auffällig war die große schwarze Flügelhaube. Ihre weit ausgreifenden Schleifen gaben der Bückeburger Tracht eine unverwechselbare Silhouette. Im Laufe der Zeit wurden sie immer größer. Auch daran zeigt sich, dass Tracht keine seit Jahrhunderten unveränderte Uniform war. Mit wachsendem Wohlstand wurden Stickereien und Schmuck üppiger; durch den Handel gelangten neue Stoffe, Bänder und Perlen in die Region.1

1 Vgl. Lücking, Wolf / Sturma, Jürgen: Trachten im Schaumburger Land, Münster 2002; Kästing, Friederike / Mensching, Sophie: Rote Röcke. Trachten und Brauchtum im Schaumburger Land, Stadthagen 2000.

Handkolorierte historische Fotografie eines Paares in Bückeburger TrachtHandkolorierte historische Fotografie einer
                  sitzenden Frau in Bückeburger Tracht aus dem Atelier
                  Gustav David in Bückeburg
Handkoloriertes Porträt zweier Frauen in Bückeburger Tracht aus dem Atelier William FockeHandkoloriertes Porträt zweier Frauen in Bückeburger Tracht aus dem Atelier Friedrich Wehde
Ohne Atelierangabe · Gustav David · William Focke · Friedrich Wehde

Zwischen 1860 und 1880 verbreitete sich die Fotografie, wurde leichter zugänglich und immer mehr Ateliers in der Region nahmen ihren Betrieb auf. Der kostspielige Atelierbesuch war meist einem besonderen Anlass vorbehalten. Wer sich fotografieren ließ, erschien entsprechend sorgfältig gekleidet – in Sonntags- oder Festkleidung und damit häufig in der jeweils getragenen Tracht. Viele der erhaltenen Bilder aus dieser Zeit dürften daher Bewohnerinnen und Bewohner zeigen, die sich für ihre Familie oder ihr persönliches Umfeld aufnehmen ließen. Das private Porträt ist deshalb eine wichtige mögliche Ausgangsfunktion dieser frühen Trachtenfotografien.

Besonders aufschlussreich sind Paarporträts vom Ende des 19. Jahrhunderts, auf denen unterschiedliche Kleidungswelten zusammentreffen. Die Frauen tragen noch Tracht, während die Männer in guter bürgerlicher Kleidung oder in Uniform erscheinen.

Frau in
                  Bückeburger Tracht neben einem sitzenden uniformierten
                  MannFrau in Bückeburger Tracht neben einem Mann in
                  dunkler bürgerlicher Kleidung
Tracht, bürgerliche Kleidung und UniformFriedrich Wehde

Solche Kombinationen verweisen auf eine gesellschaftliche Übergangsphase. Die zurückhaltendere Männertracht aus Leinenhemd oder Kittel, Weste, Hose und Mütze verschwand offenbar früher aus dem allgemeinen Gebrauch als die Frauentracht. Während Männer bereits Anzug oder Uniform trugen, erschienen Frauen weiterhin in Tracht. So konnten innerhalb derselben Familie traditionelle und neuere Kleidungsformen nebeneinander bestehen.

DAS BILD DER REGION –
EIN
GESCHÄFT

Bückeburger Trachtenfotografien entstanden sowohl als private Porträts für Einheimische als auch als Souvenirs und Sammelbilder. Sie dokumentieren deshalb nur teilweise die tatsächlich gelebte Trachtenkultur und prägten zugleich ein idealisiertes Bild der Region.

Handkoloriertes Porträt eines Trachtenpaares ohne AtelierangabeFrühes handkoloriertes Porträt eines weiteren
                  Trachtenpaares
Ohne persönliche Angaben bleibt offen, aus welchem Anlass die Aufnahmen entstanden und ob die Abzüge als private Erinnerungsstücke oder als Souvenirs dienten.Ohne Atelierangabe

Für die Ateliers ergaben sich mehrere Geschäftsfelder: private Porträts, Aufnahmen von Besuchern in regionaler Kleidung und inszenierte Trachtenbilder. Kleidung, Pose, Requisiten und Hintergrund konnten dabei gezielt zusammengestellt und die Negative anschließend mehrfach verwendet werden.

Vorderseite
                  eines Trachtenporträts aus dem Atelier F. W. KuhlmannWaagerecht ausgerichtete Rückseite mit einer
                  Widmung an Marie zur Hochzeitsreise ins Wesergebirge
                  im Mai 1911
Die rückseitige Widmung überreicht die Aufnahme „unserer lieben Marie“ als Andenken an die Hochzeitsreise ins Wesergebirge vom 12. bis 27. Mai 1911. Unterzeichnet ist sie offenbar von Gerd und Elisabeth.F. W. Kuhlmann

Manche Aufnahmen dürften ursprünglich als private Porträts entstanden sein. Besonders geeignete Motive konnten später vom vorhandenen Negativ erneut abgezogen und als Souvenir angeboten werden. Das Bild dokumentierte dann nicht mehr nur eine Person, sondern wurde selbst zum wiederverwendbaren Motiv.

Daneben entstanden offenbar Aufnahmen, die von Anfang an für diesen Markt bestimmt waren. Situationen des dörflichen Lebens wurden im Atelier oder vor geeigneter Kulisse nachgestellt. Sie sollten weniger einen konkreten Alltag dokumentieren als eine anschauliche Vorstellung vom regionalen Leben vermitteln.

Stempel und Beschriftungen auf den Rückseiten zeigen, dass solche Fotografien auch über weitere Verkaufsstellen vertrieben wurden. Der Vermerk der Kurz-, Galanterie- und Lederwarenhandlung Heinrich Habenicht in Minden belegt, dass einzelne Motive über den Ort ihrer Herstellung hinaus in den Handel gelangten.

Vorderseite
                  einer handkolorierten TrachtenfotografieRückseite der Trachtenfotografie mit Stempel
                  einer Verkaufsstelle
Vorder- und Rückseite: Der Händlervermerk weist auf einen Verkauf außerhalb des Fotoateliers hin.Ohne Atelierangabe
Vorderseite
                  einer handkolorierten TrachtenfotografieRückseite mit Stempel der Kurz-, Galanterie- und
                  Lederwarenhandlung Heinrich Habenicht in Minden
Weiterer Abzug desselben Trachtenpaares mit
                  abweichender HandkolorierungRückseite des zweiten Abzugs mit
                  handschriftlichem Erinnerungsvermerk
Zwei unterschiedlich kolorierte Abzüge desselben Trachtenpaares, jeweils mit ihrer Rückseite. Die obere Rückseite nennt die Kurz-, Galanterie- und Lederwarenhandlung Heinrich Habenicht in Minden als Verkaufsstelle. Die untere trägt einen handschriftlichen Erinnerungsvermerk.Ohne Atelierangabe

Mit der Verbreitung löste sich das Trachtenbild zunehmend von den einzelnen Personen. Wiederkehrende Kleidung, Posen, Kulissen und Requisiten machten aus individuellen Aufnahmen leicht erkennbare Motive der Region.

Handkolorierte,
                  inszenierte Trachtengruppe mit landwirtschaftlichen
                  GerätenHandkoloriertes Trachtenpaar mit Leiter,
                  Strickzeug und Korb
Handkolorierte Darstellung einer Frau in
                  Bückeburger Tracht am Spinnrad aus dem Atelier F. W.
                  KuhlmannHandkolorierte Darstellung einer Frau in
                  Bückeburger Tracht am Spinnrad aus dem Atelier F. W.
                  Kuhlmann
Sorgfältig arrangierte Szenen bilden ein wiedererkennbares Bild von Tracht und Heimat.Ohne Atelierangabe · F. W. Kuhlmann

Die Entwicklung setzte sich mit der gedruckten Ansichtskarte bis weit ins 20. Jahrhundert fort. Erfolgreiche Motive ließen sich immer wieder reproduzieren und prägten dadurch die Vorstellung von Schaumburg.

Kolorierte Ansichtskarte: Zwei Frauen in Tracht mit Handarbeit und Spinnrad. Verlag F. W. KuhlmannKolorierte Ansichtskarte: Zwei Frauen und ein Mann in Schaumburger Tracht. Verlag F. W. Kuhlmann
Kolorierte Ansichtskarte: Frau in Schaumburger Tracht beim Richten eines Strumpfes. Verlag F. W. KuhlmannKolorierte Ansichtskarte: Zwei Kinder in Schaumburger Tracht. Verlag F. W. Kuhlmann
Massenhaft hergestellte Ansichtskarten vom Anfang des 20. Jahrhunderts mit Trachtenmotiven.Verlag F. W. Kuhlmann

Tracht, bäuerliches Leben, Landschaft und die Vorstellung einer vermeintlich unverfälschten Heimat verschmolzen zu einer idealisierten Bildwelt. Diese Bilder wirkten weit über ihren ursprünglichen fotografischen und kommerziellen Zusammenhang hinaus und konnten später auch für unterschiedliche Vorstellungen von Heimat und Identität vereinnahmt werden.

Anhang

BILDER UND IHRE GESCHICHTEN

Fotografien erzählen Geschichten. Bei gefundenen und überlieferten Bildern fehlen jedoch oft die Menschen, die ihren Anlass noch erklären könnten. Manchmal bleiben nur Namen, Widmungen oder Hinweise auf der Rückseite.

Solche Spuren lassen sich mit anderen Aufnahmen und historischen Quellen vergleichen. Die folgenden Beispiele zeigen, was sich daraus über Personen, Verwendungszweck und Herstellung rekonstruieren lässt – und wo Fragen offenbleiben.

Namen auf den Rückseiten

Auf Fotografien finden sich häufig handschriftliche Widmungen oder Namen. Im Beispiel mit den Schwestern Mathilde und Jenny legt die Beschriftung nahe, dass es sich um ein privates Porträt und ein persönliches Erinnerungsstück handelt.

Vorderseite der
                  historischen Fotografie von Mathilde und JennyWaagerecht ausgerichtete Rückseite mit der
                  handschriftlichen Namensnotiz zu Mathilde und Jenny
Vorder- und Rückseite derselben Karte: Die handschriftliche Notiz gibt den dargestellten Frauen ihre Namen.Ohne Atelierangabe

Ein weiteres Beispiel aus dem Atelier F. W. Kuhlmann zeigt eine Frau und ein Mädchen in Tracht. Auf der Rückseite stehen „Frau Baumann“ und „Ella Baumann“. Die Namen machen deutlich, dass die Dargestellten als konkrete Personen in Erinnerung blieben und sprechen für eine private Verwendung.

Vorderseite des
                  handkolorierten Porträts von Frau Baumann und Ella
                  Baumann in Bückeburger TrachtRückseite mit den handschriftlichen Namen Frau
                  Baumann und Ella Baumann
Vorder- und Rückseite: Die handschriftlichen Namen „Frau Baumann“ und „Ella Baumann“ sprechen deutlich für die ursprüngliche Verwendung als persönliches Erinnerungsbild.F. W. Kuhlmann

Auswärtige Besucher in Bückeburger Tracht

Ein Gruppenbild aus dem Atelier F. W. Kuhlmann zeigt mehrere Frauen in Bückeburger Tracht und einen Mann. Erst die Rückseite verändert die Deutung: Sie erinnert an einen Ausflug 1905 nach Obernkirchen und nennt für mehrere Frauen Herkunftsorte wie Bremen, Hannover und vermutlich Charlottenburg. Ein Teil der Gruppe kam also von außerhalb.

Vorderseite der
                  Gruppenaufnahme mit auswärtigen Frauen in Bückeburger
                  TrachtRückseite der Gruppenaufnahme mit
                  handschriftlicher Erinnerungsnotiz und
                  Herkunftsangaben
Vorder- und Rückseite: Die Beschriftung macht aus dem vermeintlichen Porträt einer örtlichen Trachtengruppe ein Zeugnis touristischer Kostümfotografie.F. W. Kuhlmann

Dasselbe Negativ, andere Farben

Zwei erhaltene Abzüge stimmen in Haltung, Gesicht, Kleidung und Kulisse überein, unterscheiden sich aber in Farbgebung und Verzierung. Die mehrfache Verwendung des Negativs ist damit sicher. Der Vergleich zeigt zugleich, dass die Kolorierung nicht zwangsläufig die tatsächlich getragenen Farben dokumentierte.

Erster
                  handkolorierter Abzug des TrachtenporträtsZweiter, abweichend kolorierter Abzug desselben
                  Trachtenporträts
Dasselbe Negativ, zwei Farbvarianten: Besonders an Brustpartie, Ärmeln und Rock unterscheiden sich die nachträglichen Kolorierungen.Ohne Atelierangabe

Das ländliche Leben als inszenierte Fotografie

Fotografien aus dem Atelier von L. Feuerrohr in Rinteln und Bad Nenndorf zeigen, wie ländliches Leben im Atelier inszeniert wurde.

Ausgestopfte Hühner und Tauben, eine Zaun-Staffage und eine gemalte Landschaft erzeugten die gewünschte Umgebung. Besonders aufschlussreich sind die Hühner: Dieselben Tiere erscheinen in beiden Aufnahmen an unterschiedlichen Stellen und wurden für die jeweilige Aufnahme neu positioniert.

Vorderseite:
                  Elly Wichmann in Bückeburger Tracht, Atelier L.
                  FeuerrohrRückseite mit handschriftlicher Beschriftung zu
                  Elly Wichmann, 1887
Vorderseite: Elly Wichmann in Bückeburger Tracht
                  und in Zivil vor derselben AtelierkulisseRückseite mit handschriftlicher Beschriftung zu
                  Elly Wichmann
Elly Wichmann in zwei Aufnahmen in einer inszenierten ländlichen Kulisse und als Fotomontage in Tracht und in Zivil.L. Feuerrohr

Besonders interessant ist die Gegenüberstellung derselben jungen Frau in Tracht und in ziviler Kleidung. Die Rückseite bezeichnet die beiden Darstellungen ausdrücklich als „in Bückeburger Tracht und in Zivil“.

Da die Aufnahmen mit ihrem Namen gekennzeichnet sind, liegt eine private Porträtaufnahme nahe. Ob die Frau aus der Region stammte oder als Besucherin im Atelier fotografiert wurde, bleibt offen.

Die Aufnahmen machen sichtbar, wie regionale Wirklichkeit im Atelier hergestellt werden konnte: Person, Tracht, Kulisse und Requisiten wurden zu einer scheinbar authentischen ländlichen Bildwelt zusammengesetzt.

Anhang

ATELIERS UND FOTOGRAFEN

Die erhaltenen Arbeiten verschiedener Fotografen zeigen, dass sich in der Region ähnliche Formen der fotografischen Darstellung herausbildeten. Neben klassischen Porträts entstanden inszenierte und vor allem kolorierte Trachtenaufnahmen. Als kommerzielle Unternehmen produzierten die Ateliers damit nicht nur private Erinnerungsbilder, sondern formten zugleich ein bestimmtes fotografisches Bild der Region.

Gustav David

Atelier in Bückeburg, Lange Straße 42

Platzhalter für
                  eine Aufnahme aus dem Atelier G. DavidPlatzhalter für eine zweite Aufnahme aus dem
                  Atelier G. David
Vorder- und Rückseite eines handkolorierten Porträts einer Frau in TrachtG. David

L. Feuerrohr

Ateliers in Rinteln und Bad Nenndorf

Platzhalter für
                  Porträtaufnahme von vier Mädchen, ca. 1870Platzhalter für Porträtaufnahme von vier Mädchen,
                  ca. 1870
Porträtaufnahme von vier Mädchen, ca. 1870L. Feuerrohr
Vorderseite
                  einer handkolorierten Trachtenfotografie, Atelier L.
                  Feuerrohr, Rinteln und Bad NenndorfRückseite mit Atelieraufdruck L. Feuerrohr,
                  Rinteln und Bad Nenndorf
Vorder- und Rückseite einer handkolorierten Trachtenfotografie L. Feuerrohr

William Focke

Atelier in Bückeburg

William Focke arbeitete in Hannover im Umfeld der Firma Focke & Ahlfeld, später unter eigenem Namen mit einer Filiale in Bückeburg.

Handkoloriertes
                  Porträt einer Frau in Bückeburger Tracht von William
                  FockeWaagerecht ausgerichtete Rückseite einer
                  Atelierkarte mit dem Aufdruck William Focke,
                  Hof-Photograph, Bückeburg
Vorder- und Rückseite einer  handkolorierten TrachtenaufnahmeWilliam Focke

Emma Goldstein

Ateliers in Bückeburg, Langestraße 3, und Minden, Kleiner Domhof 11

Emma Goldstein gehörte zu den vergleichsweise wenigen Frauen, die sich bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert professionell in der Fotografie betätigten.

Soldatenporträt
                  mit Atelieraufdruck Emma Goldstein, Bückeburg,
                  Langestraße 3Inszenierte Kostümaufnahme mit zwei Frauen,
                  Atelier Emma Goldstein, Bückeburg
Soldatenporträt und inszenierte Kostümaufnahme aus dem Atelier Emma Goldstein in Bückeburg.Emma Goldstein

Emma Goldstein produzierte konventionelle Porträts und auch humorvolle und inszenierte Kostümbilder sowie kolorierte Trachtenporträts. Ein Beispiel für ein humorvolles und inszeniertes Kostümbild ist eine Aufnahme aus Bückeburg, die auf den 21. März 1896 datiert ist. Die handschriftliche Beschriftung bezeichnet die beiden dargestellten jungen Frauen als „Frl. Mosbach und Frl. Schkerl als altes Ehepaar im Kostüm“.

Frau in Tracht
                  aus dem Atelier Emma GoldsteinRückseite der Fotografie mit Atelierangabe Emma
                  Goldstein, Bückeburg, Langestraße 3
Vorder- und Rückseite einer Trachtenfotografie. In diesem Fall handelt es sich um die Reproduktion einer älteren Aufnahme aus ihrem Atelier.Emma Goldstein

G. Klimmer

Atelier in Bückeburg, Ulmen-Allee

Handkoloriertes
                  Porträt einer Frau in Bückeburger Tracht mit einem
                  Kind aus dem Atelier G. KlimmerRückseite des Ateliers G. Klimmer in Bückeburg
                  mit Hinweis auf zehn Jahre Aufbewahrung der Platte
Porträt einer Frau in Tracht mit einem BabyG. Klimmer

Atelier Kuhlmann

Atelier in Bückeburg, Schulstraße 19; später auch in Bad Eilsen

Die Geschichte des Ateliers Kuhlmann lässt sich als die eines über längere Zeit bestehenden Familienunternehmens rekonstruieren. Ältere Karten tragen den Namen F. Kuhlmann, Bückeburg, Schulstraße 19; später erscheint „F. W. Kuhlmann“, zusätzlich mit einem Standort in Bad Eilsen.

Handkoloriertes
                  Trachtenpaar auf einer Atelierkarte von F. Kuhlmann in
                  BückeburgRückseite der Atelierkarte von F. Kuhlmann mit
                  Adresse Schulstraße 19 und Hinweis auf die aufbewahrte
                  Originalplatte
Vorder- und Rückseite mit Namensverweis F. Kuhlmann, Bückeburg, Schulstraße 19.F. Kuhlmann

Ein handkoloriertes Trachtenpaar von 1896 trägt auf der Rückseite den Hinweis „F. W. Kuhlmann – Photographische Anstalt – Bückeburg – Nachdruck verboten“. Der Vermerk zeigt, dass das Motiv als wirtschaftlich verwertbares Bildprodukt betrachtet wurde.

Handkoloriertes Porträt einer Frau in Bückeburger Tracht neben einem Stuhl, Atelier F. W. Kuhlmann in Bückeburg und Bad EilsenOrnamentierte Rückseite von F. W. Kuhlmann mit den Standorten Bückeburg, Schulstraße 19, und Bad Eilsen sowie Hinweis auf die für Nachbestellungen aufbewahrte Platte
Vorder- und Rückseiten mit Namensverweis F. W. Kuhlmann, Bückeburg und Bad EilsenF. W. Kuhlmann

Spätestens im frühen 20. Jahrhundert wurden Trachtenmotive und Ortsansichten als nummerierte Ansichtskarten im Kunstverlag F. W. Kuhlmann vertrieben. Aus dem für Nachbestellungen angelegten Negativbestand des Ateliers war damit ein reproduzierbares Bildarchiv und schließlich ein Verlagsprogramm geworden.

Handkoloriertes
                  Trachtenpaar auf einer Fotografie von F. W. KuhlmannRückseite mit dem Vermerk F. W. Kuhlmann,
                  Photographische Anstalt Bückeburg, Nachdruck verboten,
                  1896
Trachtenmotiv. Der Vermerk „Nachdruck verboten“ kennzeichnet die Fotografie ausdrücklich als wirtschaftlich kontrolliertes Bildprodukt.F. W. Kuhlmann
Querformatige Ansichtskarte mit fünf Frauen und einem Mann in verschiedenen regionalen Trachten
Ansichtskarte, auf der Rückseite betitelt: „Volkstrachten aus Schaumburg-Lippe und Umgegend. Hochzeitszug. – Kirchgang.“Verlag J. Kuhlmann

Wie F., F. W. und J. Kuhlmann genau miteinander verwandt waren, ist damit noch nicht geklärt. Dass das Geschäft aber von Vater auf Sohn überging, liegt nahe. Aus dem Negativarchiv eines Bückeburger Fotoateliers war ein über Generationen weitergeführter Bildbestand und Kunstverlag geworden.

Moritz Sweers

Atelier in Minden, Bäckerstraße 25

Die Rückseiten seiner Fotos werben mit Zeichnungen einer Plattenkamera, fotografischen Chemikalien und einer Malerpalette mit Pinseln. Sie verbinden so die fotografische Technik und die nachträgliche Bildbearbeitung auch in der Selbstdarstellung des Ateliers.

Handkoloriertes
                  Porträt einer Frau in regionaler Tracht aus dem
                  Atelier M. Sweers in MindenRückseite des Ateliers M. Sweers, Bäckerstraße 25
                  in Minden, mit Hinweis auf Nachbestellungen und
                  Vergrößerungen
Vorder- und Rückseite des Porträts einer Frau in TrachtM. Sweers

Friedrich Wehde

Ateliers in Bückeburg und Stadthagen, Bahnhofsweg 6; zuvor in Hannover, Osterstrase 83

Friedrich Wehde tritt innerhalb dieser regionalen Bildproduktion durch seine hochwertigen Handkolorierungen besonders hervor. Ein Branchenrückblick von 1920 berichtet, dass er ursprünglich Glasmaler war und im Dezember 1879 ein fotografisches Atelier eröffnete. Später führte er Ateliers in Bückeburg und Stadthagen und trug den Titel Hoffotograf.

Porträt eines sitzenden Postbeamten in Uniform, Atelier Friedrich WehdePorträt eines stehenden Soldaten in Uniform, Atelier Friedrich Wehde
Porträt einer sitzenden Frau in Tracht mit einer stehenden jungen Frau, Atelier Friedrich WehdeHandkoloriertes Gruppenporträt mit zwei Frauen in Tracht und zwei Männern, Atelier Friedrich Wehde
Handkoloriertes Porträt einer sitzenden Frau in Bückeburger Tracht mit Blumen aus dem Atelier Friedrich WehdeHandkoloriertes Porträt einer Frau in Bückeburger Tracht im Korbstuhl neben einem Tisch aus dem Atelier Friedrich Wehde
Friedrich Wehde

Wehdes beste Trachtenaufnahmen unterscheiden sich durch eine besonders sorgfältige Farbgebung. Die Kolorierung folgt Stoffen, Falten und Schatten und hebt Blüten, Schmuck und Muster hervor. Seine frühere Tätigkeit als Glasmaler könnte den sicheren Umgang mit kleinen Flächen und feinen Farben erklären.

Der Name Friedrich Wehde bestand später als Firmenbezeichnung fort. Nach dem Ersten Weltkrieg erscheint „Hofphotograph Friedrich Wehde Nachf., Inh. O. Wehde“.

HistoricBits

Sichten. Sichern. Sichtbar machen.

HistoricBits widmet sich historischen Fotografien, die in privaten Alben, Sammlungen und Nachlässen erhalten geblieben sind. Das Projekt sucht, bewahrt, erschließt und veröffentlicht Bilder, die sonst verloren gehen oder vergessen werden könnten.

Im Mittelpunkt stehen oft übersehene Formen der Gebrauchsfotografie: kommerzielle Fotografie, Amateuraufnahmen, lokale Pressebilder, Atelierfotografie, Automatenbilder und Schnellfotografie.

Viele dieser Fotografien entstanden nicht als Kunst und nicht mit dem Anspruch, Geschichte zu dokumentieren – und sind heute dennoch wichtige historische Quellen.

Sie wurden gemacht, um Erinnerungen festzuhalten, Dienstleistungen anzubieten oder mit Fotografie ein Geschäft zu betreiben. Gerade diese unmittelbare Verbindung zum Alltag macht sie heute wertvoll.

Über das Projekt