

Ein Bild und seine Geschichte
Puppenspiel auf zerbrochenem Glas
Ein zerbrochenes Glasplattennegativ, eine Marionette aus dem alten Faust-Puppenspiel und die Geschichte der Brüder Zangerle.
Die Geschichte lesen ↓Eine Marionette steht seitlich vor einem schlichten Hintergrund. Sie trägt einen langen Umhang und eine auffällige Kopfbedeckung. In der Hand hält sie ein gebogenes Nachtwächterhorn; über ihrer Schulter ragt eine Hellebarde mit verziertem Axtblatt. Die zahlreichen Spielfäden sind deutlich zu erkennen. Teile der improvisierten Aufnahmesituation bleiben sichtbar: Weißer Karton auf dem Boden und im Hintergrund bildet eine neutrale Kulisse, links ist die Werkstatt zu erkennen. Quer durch das Negativ zieht sich eine Bruchlinie, rechts oben fehlt ein Stück der Glasplatte.
Es ist Hanswurst als Nachtwächter in Wittenberg, eine Figur aus „Das alte Volksschauspiel vom Dr. Faust“ des Rheinischen Marionettentheaters Zangerle. Die Aufnahme entstand um 1949 in Steinau.
Dass die beschädigte Glasplatte erhalten blieb, ist ein Glücksfall. Sie wurde zusammen mit weiteren Glasplatten auf einem Flohmarkt angeboten; ihre Bruchstücke lagen bereits getrennt voneinander. Erst die digitale Rekonstruktion und Restaurierung macht das Motiv wieder in seiner ganzen Wirkung sichtbar.
Das alte Volksschauspiel vom Dr. Faust

Die Geschichte vom Doktor Faust wurde auf Jahrmärkten und Wanderbühnen gespielt, lange bevor Goethe seinen Faust schrieb. Puppenspieler brachten den gelehrten Mann auf die Bühne, der mehr wissen wollte, als Menschen wissen können, und dafür einen Pakt mit dem Teufel schloss. Die Handlung war dem Publikum vertraut, doch die Bühnen verwendeten unterschiedliche Fassungen. Unheimliche Erscheinungen und ernste Szenen wechselten sich mit derben Späßen ab.
Auch das Rheinische Marionettentheater der Brüder Emanuel und Franz Zangerle griff diese Tradition auf. Ihre Inszenierung hieß „Das alte Volksschauspiel vom Dr. Faust“. Die Glasplatten zeigen Figuren dieser Aufführung einzeln oder zu kleinen Gruppen zusammengestellt.

Ein Gelehrter und sein Pakt mit dem Teufel
Im Mittelpunkt steht Dr. Johannes Faust, ein Gelehrter, der mit den Grenzen seines Wissens unzufrieden ist. Bücher und Wissenschaft geben ihm nicht die Antworten, nach denen er sucht. Schließlich wendet er sich der Magie zu und beschwört Geister.
Mephistopheles verspricht Faust geheimes Wissen, Macht und außergewöhnliche Erlebnisse. Dafür soll Faust nach Ablauf einer bestimmten Frist seine Seele überlassen. Die Marionettenporträts zeigen den Gelehrten mit Bart, Kopfbedeckung und langem Gewand; der Teufel ist als eigene, sorgfältig gestaltete Figur zu erkennen. Die sichtbaren Spielfäden erinnern daran, dass die Figuren für eine bewegte Bühne geschaffen wurden.


Am Hof des Herzogs von Parma
Mit den Kräften, die ihm der Teufel verschafft, verlässt Faust seine Gelehrtenstube. Er reist umher und führt seine magischen Fähigkeiten vor. Zu den Schauplätzen des überlieferten Puppenspiels gehört der Hof des Herzogs von Parma.
Vor einer vornehmen Gesellschaft zeigt Faust ungewöhnliche Kunststücke und beschwört Erscheinungen. Der Herzog und weitere Figuren geben der höfischen Episode ihren eigenen Charakter. Die Aufnahmen aus der Zangerle-Serie zeigen, wie sorgfältig auch die Nebenrollen gestaltet wurden: Kostüme, Kopfbedeckungen und die Zusammenstellung der Marionetten lassen die Vielfalt der Bühnenausstattung erkennen.

Hanswurst und die komische Seite des Spiels
Neben Fausts Geschichte um Macht und Verdammnis läuft eine zweite, ganz anders geartete Handlung. Hanswurst bringt Alltag, Angst und Spott auf die Bühne. Er versucht, sich aus gefährlichen Situationen herauszureden, und sorgt zwischen den ernsten Szenen für komische Unterbrechungen.
Die Nebenfiguren und ihre Begegnungen mit Faust und den Geistern gehörten zum Wechsel zwischen ernster Handlung und volkstümlichem Spiel.


Während Hanswurst sich immer wieder aus Schwierigkeiten herauswindet, kann Faust dem Vertrag nicht entkommen. Die vereinbarte Zeit läuft ab; in der traditionellen Puppenspielhandlung holen die Höllenmächte den Gelehrten. Anders als in Goethes Drama steht am Ende keine Erlösung.
Der Stoff bot dem Marionettentheater viele Möglichkeiten: Geister konnten erscheinen, Figuren schweben oder plötzlich verschwinden.

Das Theater der Brüder Zangerle
Emanuel Zangerle (1900–1967) und sein Bruder Franz (1904–1977) gründeten 1925 in Köln das Theater Rheinischer Marionetten. Der Umgang mit Holz und Werkzeug war ihnen aus ihrer Familie vertraut. Emanuel beschäftigte sich zudem mit Theaterwissenschaft. Zu den frühen Spielstätten gehörte ein Turm der Kölner Hohenzollernbrücke. Wenn Züge die Brücke überquerten, war das im kleinen Theater nicht zu überhören. Überliefert ist, dass die Brüder solche Störungen in ihr Spiel einbezogen.
1941 wurde das Theater in Köln durch einen Bombenangriff zerstört. Ein weiterer Neuanfang in Frankfurt am Main scheiterte 1942, als die neue Bühne drei Tage vor der geplanten Wiedereröffnung ebenfalls ausgebombt wurde. In Steinau in Hessen bauten die Brüder innerhalb von drei Jahren erneut ein Marionettentheater auf. Von 1949 bis 1954 spielten sie im Marstall des Schlosses. Zur Eröffnung stand wieder Faust auf dem Programm. 1954 zog die Familie nach Düsseldorf. Am 14. Juni 1956 eröffnete das Theater an der Wallstraße. 1966 folgte der Umzug ins Palais Wittgenstein. Nach Emanuels Tod 1967 führten Franz und später Winfred Zangerle die Arbeit fort; 1981 übernahm Anton Bachleitner die künstlerische Leitung. Das heutige Düsseldorfer Marionetten-Theater knüpft an diese Geschichte an.



Vom Flohmarkt in die Sammlung
Jahrzehnte nach ihrer Entstehung tauchten die Glasplattennegative auf einem Flohmarkt wieder auf. Im Rahmen der Initiative Historicbits, die sich der Sicherung und Bewahrung fotografischen Erbes widmet, konnten sie erworben und gesichert werden. Inzwischen wurden die Aufnahmen der Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geschenkt. Dort sind sie heute katalogisiert und zugänglich.
So führt eine zerbrochene Glasplatte zu einem Stück Puppenspielgeschichte, das beinahe verloren gegangen wäre und nun für die Zukunft bewahrt bleibt.

HistoricBits
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Historische Fotografien aus privaten Alben, Sammlungen und Nachlässen erzählen vom Alltag ihrer Zeit. HistoricBits sucht, bewahrt und erschließt diese Bilder – und die Geschichten, die sich aus ihnen entwickeln lassen.
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